Guidelines: Wertvolle Hilfe oder Einschränkung?
Selbstverständlich sollen die Patienten dank Guidelines optimal behandelt werden. Die Frage im Titel ist daher rein rhetorisch. Aber: Richtlinien werden bisher fast ausschliesslich von Fachgesellschaften erstellt. Da jede Fachgesellschaft nur Behandlungs- oder Screening-Richtlinien für ihre Fachrichtung erstellt, wird es für Hausärzte und «MehrFachÄrzte» praktisch unmöglich, all diese Leitlinien zu befolgen. Sie würden die Patienten und nicht zuletzt das Gesundheitssystem überfordern.
Es ist daher dringend nötig, dass Guidelines von den Hausärzten erstellt oder an ihre Bedürfnisse adaptiert werden. Guidelines sollen Hilfestellung leisten für das, was der Hausarzt mit gutem Gewissen nicht tun soll, auch wenn er (und seine Patienten) mit Angeboten und Werbung überflutet werden. Argomed hat folgende Richtlinien einer kritischen Überprüfung unterzogen:
Osteoporose
In Anlehnung an die Empfehlung der Schweizerischen Vereinigung gegen die Osteoporose (SVGO) zum Osteoporosescreening wurde in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe der Argomed eine eigene Empfehlung erarbeitet. Sie wurde durch den Qualitätszirkel Argonet kritisch überprüft. Das Resultat: Die Umsetzung der Guideline der SVGO hätte zur Folge, dass 30 % der Patientinnen und Patienten gescreent werden müssten. Die Adaptation der Richtlinie auf wenige praxistaugliche Elemente ergab schliesslich vertretbare 4,3 %.
Fahrtauglichkeit
Für die Überprüfung der Fahrtauglichkeit von Senioren stehen den Untersuchungsärzten nur völlig veraltete Richtlinien zur Verfügung. Körperliche Erkrankungen werden überbewertet, während der geistigen Leistungsfähigkeit kaum Beachtung geschenkt wird. Dabei wird die Demenz von den Senioren selbst nicht wahrgenommen und ist auch für Ärzte nicht immer leicht zu diagnostizieren.
Unter Mitarbeit des verkehrsmedizinischen Experten Dr. Rolf Seeger (Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich) wurden Richtlinien erarbeitet. Sie enthalten Anleitungen zur gezielten Anamnese und zur körperlichen Untersuchung. Grosse Bedeutung kommt der Beachtung von Warnhinweisen auf eine beginnende Demenz zu. Bei Verdachtsmomenten helfen Tests weiter. Die Hausärzte sollen auch künftig die Hauptverantwortung für diese Abklärungen tragen. Die Argomed-Guidelines geben ihnen ein geeignetes Instrument in die Hand.
PSA
Mit der Urologie des Kantonsspitals Aarau (KSA) wurden die bisher geltenden Guidelines in einer Studie überprüft und adaptiert. Möglichst jedes behandlungsbedürftige Prostata-Karzinom soll erfasst werden, ohne dass es zu einer wesentlichen Mengenausweitung kommt. Die Studie bestätigte, dass der vorgestellte Leitfaden dem Arzt hilft, den Patienten in der Frage der Prostatafrüherkennung zu beraten, ohne dabei die Anzahl der Prostatabiopsien stark zu erhöhen.
