Sanitas kennt zukünftig nur noch ein Hausarztmodell mit vier unterschiedlichen Rabattstufen. Durch diesen Schritt wird das Angebot in der Grundversicherung vereinfacht, da die Hausarztpraxis neu nicht mehr in zwei unterschiedlichen Modellen wählbar ist.

Pascal Hirzel
Leiter Produktmanagement OKP, Sanitas
Das Hausarztmodell ist ein zentrales Produkt der Grundversicherung: Es stärkt die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte als erste Anlaufstelle, fördert die kontinuierliche Betreuung und trägt dazu bei, die Gesundheitskosten nachhaltig zu steuern. Welche Bedeutung hat das Modell heute – und wie sehen die Zukunftsaussichten aus? Darüber sprach deFACTO mit Pascal Hirzel, Leiter Produktmanagement OKP bei Sanitas.
Welche Rolle spielt das Hausarztmodell in Ihrer Gesamtstrategie als Krankenversicherer?
Das Hausarztmodell ist neben dem telemedizinischen und unserem MultiAccess Produkt ein zentrales Produkt innerhalb des Sanitas Grundversicherungs-Portfolios.
Welchen Versicherten empfehlen Sie den Beitritt zum Hausarztmodell?
Wir empfehlen das Hausarztmodell Versicherten, welche eine kontinuierliche Betreuung durch eine Hausarztpraxis wünschen. Die Hausärztin oder der Hausarzt ist als Gatekeeper über die ganze Krankengeschichte sowie den Behandlungsverlauf im Bilde und kann dadurch die Kundinnen und Kunden optimal versorgen.
Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den vertraglichen Modellen Hausarzt und HMO sowie dem Listenmodell?
Das Listenmodell ermöglicht in erster Linie den Zugang zu einem Hausarztmodell mit einem Prämienrabatt für Versicherte. Die gewählte Hausarztpraxis ist dabei nicht einem Ärztenetzwerk angeschlossen oder das Ärztenetzwerk hat keine Verträge mit Krankenversicherern vereinbart.
Bei den vertraglichen Modellen Hausarzt und HMO ist die entsprechende Hausarztpraxis als koordinierende Stelle vollständig über den Behandlungsverlauf informiert und kann dadurch die Patientinnen und Patienten optimal betreuen.
Wie profitieren Krankenversicherer vom Hausarztmodell?
Das Hausarztmodell ermöglicht es den Krankenversicherern, attraktive Prämien zu guter Qualität anbieten zu können. Ausserdem profitieren sie durch die enge Zusammenarbeit mit den Hausärztinnen und Hausärzte von der Möglichkeit, ihre Versicherten gemeinsam im Gesundheitswesen zu begleiten.
Das Hausarztmodell gibt es bereits seit rund 25 Jahren. Inwiefern hat das Modell aus Ihrer Sicht die Qualität der Versorgung verbessert?
Das Hausarztmodell hat wesentlich dazu beigetragen, dass Qualität und Effizienz systematisch erfasst und hinterfragt werden. Es hat sowohl Krankenversicherer als auch die Ärzteschaft dazu angeregt, neue KPI, Anreize und auch Dienstleistungen zu testen und zu etablieren.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen für das Hausarztmodell?
Die grösste Herausforderung ist sicher der Hausärztemangel. Aufgrund dieses Mangels wird es immer schwieriger, dass die Kundinnen und Kunden einen garantierten Zugang zu einer Hausärztin oder einem Hausarzt haben.
Gibt es Situationen, in denen das Hausarztmodell für Versicherte nicht geeignet ist?
Für Personen, welche keine Möglichkeit haben zu einer Hausarztpraxis zu gehen, ist das Hausarztmodell nicht die richtige Wahl. Auch solche die sich viele Freiheiten wünschen, sind andere Produkte wie zum Beispiel die freie Arztwahl die bessere Möglichkeit.
Nebst der klassischen Arztkonsultation gibt es heute bereits andere Wege, wie Patientinnen und Patienten an benötigte Informationen oder medizinische Dienstleistungen gelangen. Mit welchen digitalen Tools oder anderen Leistungen (z.B. Telemedizin) sollte das Hausarztmodell optimalerweise ergänzt werden?
Die Telemedizin bietet im Bereich der Grundversorgung attraktive Möglichkeiten. Erstkonsultationen können viele einfachere Fälle abfangen und so die Praxen entlasten. Elementar ist hierbei aber ein funktionierender Datenaustausch. Auch Remote-Sprechstunden könnten eine Möglichkeit sein, die Effizienz und Kunden-Convenience zu steigern, da nicht jede Konsultation zwingend in der Praxis erfolgen muss.
Die Hausarztpraxis ist seit Jahren die beliebteste erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. Sehen Sie in Zukunft eher eine Ausweitung oder eine Ablösung durch digitale Erstberatungen?
Die digitale Erstberatung bietet attraktive Möglichkeiten, die Erstversorgung effizienter zu gestalten. Diese Opportunitäten sollen geprüft und umgesetzt werden, um das gesamte Gesundheitswesen weiterzuentwickeln.
Welche Trends werden Ihrer Meinung nach die Patientenversorgung in den nächsten 5–10 Jahren prägen?
Zunehmend wird es hybride Versorgungsmodelle geben und die Patientin oder der Patient wählt die passende Erstversorgung. Die Medizin wird auch vermehrt personalisiert und Wearables, Datennutzung und künstliche Intelligenz werden das medizinische Umfeld massgeblich verändern. Auch der Umgang mit Patientinnen und Patienten, welche sich vermehrt über LLM wie ChatGPT vorinformieren oder «selbstdiagnostizieren», wird die Ärzteschaft vor neue Herausforderungen stellen.
Sanitas integriert ab 2026 das bisherige Listenmodell (CareMed) in das Hausarztmodell (NetMed). Wir begrüssen diesen Schritt sehr, wie kam es zu diesem Entscheid?
Es ist richtig, dass sich Sanitas entschieden hat, die beiden Modelle zu fusionieren. Sanitas kennt zukünftig nur noch ein Hausarztmodell mit vier unterschiedlichen Rabattstufen. Durch diesen Schritt vereinfachen wir für unsere Kundinnen und Kunden das Angebot in der Grundversicherung, da die Hausarztpraxis neu nicht mehr in zwei unterschiedlichen Modellen wählbar ist.
Seit Bestehen des Hausarztmodells spielen die Ärztenetze als regionaler und überregionaler Zusammenschluss der Ärzteschaft eine zentrale Rolle. Wie beurteilen Sie die zukünftige Rolle von Ärztenetzen?
Ärztenetze bleiben auch in Zukunft zentrale Partner für eine koordinierte, effiziente Versorgung. Ihre Rolle als Vertragspartner und allgemeine Leistungserbringer ist auch zukünftig zentral im schweizerischen Gesundheitswesen. Eine stetige Weiterentwicklung insbesondere in der Digitalisierung und Versorgungsqualität ist wichtig, um auch das gesamte schweizerische Gesundheitswesen weiterzubringen.




