Seit dem 1. Januar 2026 rechnen Schweizer Arztpraxen nach dem neuen ambulanten Tarif TARDOC sowie den ergänzenden ambulanten Pauschalen ab. Die ersten Wochen zeigen ein überraschend ruhiges Bild – gleichzeitig wird deutlich, in welchen Bereichen der Tarif im Alltag besonders anspruchsvoll ist.
Viele Praxen erlebten den Übergang deutlich reibungsloser als erwartet. Entscheidend waren frühzeitige Schulungen, gute Softwarevorbereitung und klare interne Abläufe.
Marcel Frei, Geschäftsführer des Schlossberg Ärztezentrum AG, bringt diese Erfahrung auf den Punkt: „Wir waren ehrlich gesagt positiv überrascht.“ Auch Dr. med. Peter Wespi von Huusarztpraxis Früebli betont, dass die intensive Vorbereitung im zweiten Halbjahr 2025 den Grundstein für einen problemlosen Start gelegt habe. Die verschiedenen Schulungsangebote hätten wesentlich zur Sicherheit beigetragen. Für Dr. med. Irene Glauser, Präsidentin Hausärzte Zürich, zeigt sich vor allem, wie wertvoll die hohe Softwarequalität der Anbieter war. Auch Michael Andor bestätigt den weitgehend reibungslosen Start. Gemäss dem Vorstandsmitglied der FMH lief die Umstellung „relativ gut“, nicht zuletzt, weil sich viele Fachgesellschaften intensiv auf die Einführung vorbereitet hätten.
Herausforderungen: Tarifanwendung statt Technik
Die grössten Fragen entstehen nun nicht mehr auf der technischen Ebene, sondern in der konkreten Anwendung des Tarifs. Neue Bezeichnungen, Limitationen und Kombinationsregeln verlangen häufiges Nachschlagen. Besonders bei selten genutzten Positionen zeigen sich Unsicherheiten, etwa beim Zusammenspiel von manualmedizinischen Untersuchungsblöcken und hausärztlicher Konsultation. Irene Glauser fasst die Situation treffend zusammen: „Man muss noch häufig nachschlagen.“ Während TARDOC Leistungen präziser abbildet, setzt dies eine ebenso präzise Dokumentation voraus. Erste Rückweisungen entstehen somit häufig aus Interpretationsfragen und nicht aufgrund technischer Fehler. Tarifexperte Patrick Müller beobachtet entsprechend steigenden Beratungsbedarf, da sich nun zeige, wie unterschiedlich Praxen ähnliche Situationen tarifieren.
Ambulante Pauschalen und Wirtschaftlichkeit: viele offene Punkte
Die ambulanten Pauschalen bleiben das anspruchsvollste Element im neuen System. Einige Abbildungen gelten als nicht optimal und werden im Revisionsprozess weiterentwickelt. Tarifstellen verweisen darauf, dass Korrekturen künftig jährlich möglich sind.
Rémi Guidon, CEO der Organisation ambulante Arzttarife (OAT), hält fest: „Was heute noch nicht optimal ist, lässt sich künftig anpassen.“ Wirtschaftlich lassen sich nach wenigen Wochen noch keine Aussagen treffen. Einige Praxisleitungen – darunter Marcel Frei – bleiben vorsichtig, ob die Grundversorger tatsächlich bessergestellt werden. Viele Praxen warten deshalb gespannt auf die ersten Trustcenter‑Daten, um Entwicklungen im eigenen Leistungsspektrum seriös beurteilen zu können.
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- Dr. med. Michael Andor, Rheumatologe und Vorstandsmitglied der FMH
- Rémi Guidon, CEO der Organisation ambulante Arzttarife (OAAT)
- Dr. med. Irene Glauser, Hausärztin und Präsidentin der mfe Haus- und Kinderärzte Zürich
- Marcel Frei, Geschäftsführer Schlossberg Ärztezentren Ag, Frauenfeld
- Dr. med. Peter Wespi, Hausarzt Huusarztpraxis Früebli
- Patrick Müller, Tarif- und Abrechnungsberater bei PraxisExperts AG





