Einsamkeit, finanzielle Schwierigkeiten oder Probleme am Arbeitsplatz können die Gesundheit wesentlich beeinflussen. In der Hausarztpraxis sind solche Themen häufig präsent – mit klassischen medizinischen Interventionen lassen sie sich jedoch oft nur unzureichend adressieren. Social Prescribing setzt genau hier an: Patientinnen und Patienten werden gezielt mit passenden nicht-medizinischen Unterstützungsangeboten in ihrem Lebensumfeld verbunden.

Prof. Dr. Thekla Brunkert
Zentrum für Hausarztmedizin & Community Care, Universität Luzern

Dr. Daria Gutteridge
Zentrum für Hausarztmedizin & Community Care, Universität Luzern
Soziale Probleme gehören zum Praxisalltag
Psychosoziale Faktoren wie Einsamkeit, finanzielle Belastungen oder berufliche Schwierigkeiten beeinflussen sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit. Hausärztinnen und Hausärzte sind dabei häufig eine der ersten Anlaufstellen.
Wie präsent solche Themen sind, zeigt auch eine Schweizer Umfrage: Die befragten Hausärztinnen und Hausärzte berichteten im Median von drei Patientinnen und Patienten mit sozialen Problemen pro Woche. Besonders häufig genannt wurden finanzielle Schwierigkeiten, Probleme im Zusammenhang mit der Arbeit sowie Einsamkeit.
Gleichzeitig sind die Möglichkeiten, darauf im Praxisalltag umfassend zu reagieren, begrenzt. Die Konsultationszeit ist knapp, und geeignete Unterstützungsangebote sind zwar oftmals vorhanden, aber für Praxisteams und Betroffene nicht immer einfach auffindbar oder zugänglich.
Was ist Social Prescribing?
Social Prescribing ist ein strukturierter und personenzentrierter Ansatz, bei dem Menschen mit gesundheitsrelevanten psychosozialen Bedürfnissen mit passenden nicht-medizinischen Angeboten in ihrem lokalen Umfeld verbunden werden.
Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation ab. Infrage kommen beispielsweise Bewegungs- oder Freizeitangebote, Selbsthilfegruppen, Freiwilligenarbeit sowie Beratungsangebote bei finanziellen, beruflichen oder sozialen Schwierigkeiten.
Im Zentrum steht somit weniger eine bestimmte Intervention als die Frage: Welche Unterstützung könnte dieser Person in ihrer aktuellen Lebenssituation helfen – und wie gelingt der Zugang dazu?
Social Prescribing versteht sich damit als Bindeglied zwischen der medizinischen Grundversorgung und bereits vorhandenen Ressourcen in der Gemeinde.
Wer übernimmt die Vermittlung?
In vielen Social-Prescribing-Modellen übernimmt ein sogenannter Link Worker die koordinierende Funktion. Gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten werden psychosoziale Bedürfnisse und Ressourcen erfasst, geeignete Angebote gesucht und der Zugang dazu erleichtert.
Dabei muss Link Working nicht zwingend einem neuen Berufsbild entsprechen. Die Funktion kann je nach Versorgungsmodell von Fachpersonen der Sozialen Arbeit oder von anderen entsprechend qualifizierten Berufsgruppen übernommen werden. Für die Schweiz könnte es deshalb sinnvoll sein, an bestehende Berufsgruppen und Strukturen der Grundversorgung anzuknüpfen.
Was wissen wir über die Wirksamkeit?
Erste Studien zeigen positive Effekte von Social Prescribing, die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch noch uneinheitlich. Entscheidend wird deshalb sein, neue Modelle auch in der Schweiz systematisch zu evaluieren und zu untersuchen, für welche Patientinnen und Patienten und unter welchen Bedingungen der Ansatz einen Mehrwert bietet.
Social Prescribing in der Schweiz
Auch in der Schweiz wächst das Interesse an Social Prescribing, und erste lokale Projekte greifen das Konzept bereits auf.
Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch von jenen in Grossbritannien, wo Social Prescribing bereits auf nationaler Ebene in die Grundversorgung integriert ist. Aufgrund der kantonalen und regionalen Unterschiede dürfte es in der Schweiz weniger darum gehen, ein bestehendes Modell unverändert zu übernehmen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Social Prescribing an lokale Versorgungsstrukturen angepasst werden kann.
Dabei ergeben sich sehr praktische Fragen: Wer erkennt Patientinnen und Patienten, die von Social Prescribing profitieren könnten? Wer übernimmt die koordinierende Funktion? Wie werden bestehende Angebote in der Region gefunden und aktuell gehalten? Und wie kann die Zusammenarbeit zwischen Praxis, Sozialbereich und lokalen Akteuren organisiert werden?
Die Schweiz verfügt bereits über zahlreiche Vereine, Beratungsstellen, Selbsthilfeorganisationen, Bewegungsangebote und weitere gemeindenahe Ressourcen. Social Prescribing könnte einen Rahmen schaffen, um diese bestehenden Angebote systematischer mit der Grundversorgung zu verbinden.
Fazit
Psychosoziale Probleme gehören zum Alltag der Hausarztmedizin, können aber nicht allein mit medizinischen Interventionen gelöst werden. Social Prescribing bietet einen Ansatz, Patientinnen und Patienten gezielter mit vorhandenen Unterstützungsangeboten in ihrem Lebensumfeld zu verbinden.
Für die Schweizer Grundversorgung liegt die Chance darin, solche Modelle an bestehende Strukturen anzupassen, gemeinsam mit Hausarztpraxen, Gesundheits- und Sozialberufen sowie lokalen Akteuren weiterzuentwickeln – und von Beginn an wissenschaftlich zu evaluieren.






