Volle Sprechstunden, Notfälle, administrativer Druck und der eigene hohe Anspruch: In der Hausarztmedizin treffen viele Belastungsfaktoren gleichzeitig aufeinander. Psychologin und Resilienz-Trainerin Nadja Gajić erklärt, warum mentale Widerstandskraft keine fixe Charaktereigenschaft ist und wie sie sich gezielt trainieren lässt.

Nadja Gajić, lic. phil.
Psychologin, Resilienz-Coach & Trainerin, strongroots.ch
Stress ist nicht einfach nur schlecht
Stress, Erschöpfung, innere Leere: Was wie persönliches Versagen wirken kann, ist in der Hausarztmedizin strukturell angelegt. Eine hohe Verantwortungsdichte, emotionale Nähe zum Patientengut, enge Zeitfenster und ein wachsender administrativer Aufwand bilden ein Umfeld, das selbst stabile Persönlichkeiten dauerhaft unter Druck setzt. Wer zusätzlich eine Praxis führt, trägt parallel Führungs- und Unternehmeraufgaben.
Zunächst eine wichtige Einordnung: Stress per se ist kein Problem. In gesunder Dosis ist er sogar leistungsfördernd – er mobilisiert Energie und Fokus. Problematisch wird es erst, wenn auf Anspannung keine Entspannung mehr folgt, wenn Müdigkeitssignale ignoriert werden und punktueller Stress in Dauerstress übergeht.
Entscheidend ist dabei weniger die objektive Situation als deren innere Bewertung: «Ist das bewältigbar? Traue ich mir zu, damit umzugehen?» Diese Selbstwirksamkeit wirkt als zentraler Stresspuffer und erklärt, warum Menschen vergleichbare Belastungen so unterschiedlich erleben.
«Problematisch wird Stress, wenn auf Anspannung keine Entspannung folgt und punktueller Stress in Dauerstress übergeht.»
Drei Ebenen des Stresserlebens
Im Praxisalltag empfiehlt sich eine einfache Unterscheidung, die sofort Handlungsoptionen sichtbar macht:
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Ebene 1
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Ebene 2
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Ebene 3
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Äussere Belastungen
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Innere Stressverstärker
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Stressreaktion
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Volle Sprechstunde, Zeitdruck, Notfälle, häufige Unterbrechungen, Personalknappheit
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Denkmuster wie «Ich darf keinen Fehler machen» oder «Ich muss alles alleine stemmen»
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Körperliche Anspannung, innere Unruhe, Reizbarkeit, Gedankenkreisen
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Die äusseren Belastungen lassen sich nicht immer sofort verändern. Die inneren Stressverstärker hingegen – jene oft unbewussten Denk- und Verhaltensmuster – sind sehr wohl beeinflussbar. Wer sie erkennt, gewinnt Handlungsspielraum, ohne an Professionalität einzubüssen.
Resilienz: keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern ein Prozess
Resilienz ist die Fähigkeit, belastende Situationen so zu bewältigen, dass die psychische Gesundheit erhalten bleibt. Sie zeigt sich als Bounce-back-Effekt (nach Rückschlägen in die Stabilität zurückfinden) und als Bounce-forward-Effekt (aus Krisen lernen und wachsen). Ähnlich wie das Immunsystem durch Reize gestärkt wird, entwickelt sich auch Resilienz durch Herausforderungen.
Resilienz ist kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein lebenslanger, dynamischer Anpassungsprozess. Sie wird durch Arbeitsbedingungen, Rollen, Verantwortung und Teamkultur geprägt und ist damit auf individueller wie auf Teamebene gezielt trainierbar.
Zahlen und Kotext
Laut der Commonwealth-Fund-Erhebung 2025 (Primary Care in 10 Ländern) gaben in der Schweiz 19 % der befragten Hausärztinnen und Hausärzte an, sich ausgebrannt zu fühlen. International reicht die Spannweite je nach Land von rund 11 % bis 43 %. Ein deutliches Zeichen, dass strukturelle Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle spielen.
Wenn Stärken unter Druck rigide werden
Ausgeprägtes Verantwortungsgefühl und hoher Qualitätsanspruch sind im Arztberuf Stärken. Unter dauerhaftem Druck können diese Muster jedoch kippen: Man denkt überall mit, übernimmt immer mehr, delegiert seltener und sagt kaum noch Nein. Die Energie rutscht dauerhaft ins Minus – oft, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.
Gajić beschreibt dies als einen schleichenden Prozess: Viele Ärztinnen und Ärzte verharren lange im Funktionsmodus. Erst allmählich nehmen sie wahr, dass Erschöpfung und Frust zunehmen und die Freude abnimmt. Sobald diese Muster bewusst werden, entsteht Handlungsspielraum für sinnvolleres Teilen von Verantwortung und klarere Grenzen. Nicht weniger engagiert, sondern nachhaltiger.
Resilienz im Team: Kommunikation als Schlüssel
Zwischenmenschlicher Stress ist ein grosser Energiefresser. Unter Druck wird die Kommunikation knapper und schärfer – was wiederum mehr Stress erzeugt. Als wirksame Gegenmittel nennt Gajić klare Zuständigkeiten, einen respektvollen Ton auch in Hektik, aktives Zuhören und eine einfache Grundhaltung: zunächst von guten Absichten ausgehen.
Wichtig: Konflikte nicht sammeln. Eine einfache Ich-Botschaft («Wenn X passiert, fühle ich Y. Mir wäre wichtig, dass wir Z.») bringt mehr Klarheit als wochenlanges Schweigen. Das vergiftet das Klima nachhaltig.
Wann ist Unterstützung sinnvoll?
Coaching ist kein Luxus, sondern eine Form professioneller Selbstführung. Warnzeichen, die auf dringenden Handlungsbedarf hinweisen:
- Erholsamer Schlaf und Abschalten werden zunehmend schwieriger
- Reizbarkeit und innere Anspannung nehmen über Wochen zu
- Man funktioniert noch – aber mit einem anhaltenden Gefühl von Getriebensein oder Freudlosigkeit
- Im Team häufen sich Krankheitsausfälle, Missverständnisse und Konflikte
Ein neutraler Blick von aussen hilft, blinde Flecken zu erkennen und rascher zu alltagstauglichen Veränderungen zu kommen. Das Ziel: persönliche Stressverstärker sichtbar machen, konkrete Hebel identifizieren und praktikable Routinen aufbauen – für mehr Klarheit und Zufriedenheit im Praxisalltag.
«Nach einer anspruchsvollen Konsultation einfach kurz atmen, die Schultern lösen und sich sagen: Das war anspruchsvoll und ich bin dran geblieben.»
Resilienz bedeutet nicht, unverwundbar zu sein. Sie bedeutet, die eigenen Ressourcen zu kennen, rechtzeitig gegenzusteuern und zu wissen, wann man Unterstützung holen sollte.
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